Ein bekanntes Medikament, neue Fragen
Ivermectin ist ein Medikament mit interessanter Geschichte. Es wurde als Antiparasitikum entdeckt und hat die Behandlung schwerer Parasitenerkrankungen (zum Beispiel Flussblindheit und Elephantiasis) grundlegend verändert. 2015 wurde seine Entdeckung mit dem Nobelpreis für Medizin gewürdigt. In den üblichen Dosen gegen Parasiten gilt es beim Menschen als sicheres Medikament.
Heute prüfen einige Forscher, ob Ivermectin über seine offizielle Indikation hinaus nützlich sein könnte. Das ist Teil eines breiteren Phänomens: Wissenschaftler suchen nach neuen Anwendungen für alte, günstige und gut charakterisierte Medikamente (auf Englisch „drug repurposing“ genannt). Ivermectin machte im Zusammenhang mit Viruserkrankungen Schlagzeilen, doch einige Labore untersuchen auch, ob die Substanz überhaupt eine Wirkung auf Krebszellen hat. Hinweis: Das sind vorerst Forschungsfragen, keine bestätigte Behandlung.
Was in der Zelle geschieht — die Hypothesen der Forscher
Wer vorschlägt, Ivermectin in die unterstützende Therapie aufzunehmen (etwa in Schemata, wie sie Gruppen wie die FLCCC entworfen haben), beruft sich auf In-vitro-Studien. In vitro bedeutet „im Glas“ — Experimente, die im Labor an kultivierten Zellen in einer Schale durchgeführt werden, nicht an lebenden Patienten. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn was an Zellen in der Schale wirkt, muss beim Menschen nicht wirken. Diese vorläufigen Studien deuten auf mehrere Wege hin, über die Ivermectin auf Tumorzellen wirken könnte:
- Störung des Ionenflusses über die Zellmembran: Krebszellen teilen sich schnell und brauchen dafür ein Gleichgewicht der elektrischen Ladung. Ivermectin könnte einen Weg für einen unkontrollierten Einstrom geladener Teilchen (Chloridionen) in die Zelle öffnen. Ein solcher plötzlicher Einstrom bringt die Zelle aus dem Gleichgewicht, löst Stress in ihr aus und kann ihr „Selbstzerstörungsprogramm“ einschalten (fachlich: Apoptose, der programmierte Zelltod).
- Abschneiden der Energie (Angriff auf die Mitochondrien): Mitochondrien sind die winzigen „Kraftwerke“ in der Zelle. Reagenzglasstudien deuten darauf hin, dass Ivermectin ihre Arbeit in Krebszellen behindern könnte, sodass sie weniger Energie produzieren. Einfach gesagt — es versucht, die Tumorzelle „auszuhungern“.
- Blockade der Wachstumssignale: Zellen kommunizieren über interne „Signalwege“ — so etwas wie eine Befehlskette. Bei vielen Krebsarten (zum Beispiel Brust-, Eierstock- oder Darmkrebs) laufen einige dieser Wege auf Hochtouren und treiben das Wachstum an. Ivermectin scheint einen Teil dieser Signale zu dämpfen, was unter Laborbedingungen die Zellvermehrung verlangsamen kann.
Nicht Ivermectin allein — die Zusätze in diesen Schemata
Im „integrativen“ Ansatz wird Ivermectin selten allein beschrieben. In Schemata wie I-CARE wird es mit anderen Substanzen kombiniert, die seine Wirkung verstärken sollen. Am häufigsten genannt werden beliebte entzündungshemmende und immunbezogene Nahrungsergänzungsmittel — etwa Vitamin D3, Zink und Vitamin C — sowie Pflanzenextrakte (etwa ein Bestandteil des grünen Tees oder Kurkuma). Befürworter behaupten, eine solche Mischung verändere die Umgebung des Tumors. Es muss jedoch betont werden: Die Wirksamkeit solcher Kombinationen beim Menschen wurde in rigorosen Studien nicht bestätigt.
Warum das schwierig und gefährlich ist
Selbst wenn im Labor eine gewisse Wirkung auf Zellen sichtbar ist, ist die Übertragung auf einen lebenden menschlichen Körper (in vivo, „im lebenden Organismus“) sehr schwer. Das Grundproblem: Um einem Tumor zu schaden, müsste man eine hohe Konzentration des Medikaments zu ihm bringen — und eine solche Konzentration im ganzen Körper kann den Patienten vergiften.
Besonders gefährlich sind die im Internet kursierenden Ideen, enorme, experimentelle Mengen Ivermectin einzunehmen — um ein Vielfaches höher als die für Menschen zugelassenen Dosen. Solche Mengen sind für Menschen stark toxisch: Sie schädigen die Leber und das Nervensystem. Sie dürfen nicht angewendet werden.
Ein vollständigeres, kritisches Bild davon, wie sich Reagenzglasergebnisse in eine Behandlung für Menschen übersetzen (oder eben nicht) — und warum große klinische Studien das sind, was wirklich zählt — finden Sie in unserem Artikel Fenbendazol und Ivermectin — ein Überblick über die Laborforschung. Der eigentliche Mechanismus des Moleküls wird in Ivermectin — wie es wirkt erklärt.
Quellen
- Das Nobelkomitee (2015), The Nobel Prize in Physiology or Medicine 2015 — nobelprize.org
- Juarez M, Schcolnik-Cabrera A, Dueñas-Gonzalez A (2018), The multitargeted drug ivermectin: from an antiparasitic agent to a repositioned cancer drug, American Journal of Cancer Research 8(2):317–331 — pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5835698
Bildungsinhalt. Die Produkte von SWISS LAB sind Reagenzien, die ausschließlich für die In-vitro-Laborforschung bestimmt sind. Sie sind nicht zum Verzehr durch Menschen und nicht zur Behandlung bestimmt.