In den letzten Jahren sind Ivermectin und Fenbendazol in der Forschung zur Umwidmung bekannter Arzneimittel aufgetaucht — dabei wird geprüft, ob eine für einen bestimmten Zweck entwickelte Substanz auch für etwas anderes nützlich sein könnte. Das ist eine vernünftige Forschungsrichtung, aber ihre Ergebnisse werden oft falsch gelesen und überzeichnet. Im Folgenden stellen wir ehrlich dar, was tatsächlich untersucht wurde und wie solche Berichte richtig zu lesen sind. Dieser gesamte Überblick betrifft Laborarbeiten — durchgeführt an Zellen in Schalen (in vitro) und an Tieren. Das sind KEINE Studien am Menschen.
Fenbendazol — was die Zellstudien beschrieben
Weil Fenbendazol das Protein beeinflusst, das das innere „Gerüst“ der Zelle aufbaut, wurden es und das verwandte Mebendazol in Zellkulturen untersucht: Die Forscher betrachteten, wie sie dieses Gerüst, die Zellteilung und die Zuckerverarbeitung in ausgewählten Zelltypen beeinflussen. Das sind interessante Beobachtungen — aber unter künstlichen Bedingungen gewonnen, in einer Laborschale und nicht in einem lebenden Organismus.
Ivermectin — was die Zellstudien beschrieben
Auch Ivermectin wurde an Zellen untersucht: Geprüft wurde seine Wirkung auf verschiedene intrazelluläre Prozesse. Ein eigener Strang ist die antivirale Laborstudie von 2020, die die Debatte rund um COVID-19 auslöste. Ein wichtiger Haken: Sie verwendete Konzentrationen, die um ein Vielfaches höher liegen, als sich im menschlichen Körper sicher erreichen lässt.
Das größte Problem: Eine Schale ist kein Patient
Das Wichtigste, was jeder verstehen muss, der solche Berichte liest:
- Ein enormer Unterschied in der Dosis. Ein im Reagenzglas beobachteter Effekt erfordert oft eine Dosis, die sich in einem lebenden Menschen nicht sicher erreichen lässt. Was an Zellen in einer Schale wirkt, muss bei einem Patienten nicht wirken (und kann es oft schlicht nicht).
- Der Körper ist weit komplexer. Eine Schale mit Zellen hat keine Resorption, keinen Stoffwechsel und keine Ausscheidung eines Wirkstoffs, kein Immunsystem und kein Zusammenspiel der Organe.
- Eine Maus ist kein Mensch. An Mäusen gewonnene Ergebnisse lassen sich sehr oft nicht auf Menschen übertragen.
Warum allein große klinische Studien zählen
Nur große, sorgfältig geplante Studien am Menschen — mit einer Vergleichsgruppe und so angelegt, dass weder Patient noch Prüfarzt weiß, wer den Wirkstoff erhält — können klären, ob eine Substanz Menschen wirklich hilft und ob sie sicher ist. Für Ivermectin und COVID-19 haben genau solche Studien (darunter TOGETHER und ACTIV-6) keinen bedeutsamen Nutzen gezeigt — trotz der früheren Begeisterung auf Basis von Schalenstudien. Es ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, warum man nicht direkt vom Reagenzglas zu Empfehlungen für Menschen springen darf.
Was die Zulassungsbehörden sagen
Behörden wie die europäische EMA und die amerikanische FDA haben wiederholt davor gewarnt, veterinärmedizinische Präparate oder Laborreagenzien beim Menschen außerhalb ihrer offiziellen, zugelassenen Anwendungen zu verwenden. Das ist keine „Zensur der Wissenschaft“ — es schützt Menschen vor voreiligen Schlüssen aus unvollständigen Daten.
Wie ein Forscher damit umgehen sollte
Für ein Labor sind Fenbendazol und Ivermectin wertvolle, gut charakterisierte Werkzeuge zur Erforschung des Zellinneren. Ihr wirklicher Wert liegt in kontrollierten Experimenten in der Schale — nicht in der Anwendung beim Menschen, die die bisherige Forschung schlicht nicht rechtfertigt.
Quellen
- Dogra N. et al. (2018), Scientific Reports — nature.com/articles/s41598-018-30158-6
- Caly L, Druce JD, Catton MG, et al. The FDA-approved drug ivermectin inhibits the replication of SARS-CoV-2 in vitro. Antiviral Research. 2020;178:104787. PMID: 32251768. DOI: 10.1016/j.antiviral.2020.104787. doi.org/10.1016/j.antiviral.2020.104787
- Reis G, Silva EASM, Silva DCM, et al. Effect of Early Treatment with Ivermectin among Patients with Covid-19 (the TOGETHER trial). New England Journal of Medicine. 2022;386(18):1721–1731. PMID: 35353979. DOI: 10.1056/NEJMoa2115869. nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2115869
- Naggie S, Boulware DR, Lindsell CJ, et al. Effect of Ivermectin vs Placebo on Time to Sustained Recovery in Outpatients With Mild to Moderate COVID-19: A Randomized Clinical Trial (the ACTIV-6 trial). JAMA. 2022;328(16):1595–1603. PMID: 36269852. DOI: 10.1001/jama.2022.18590. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36269852
Bildungsinhalt. Diese Produkte sind ausschließlich für die In-vitro-Laborforschung bestimmt. Nicht zum menschlichen Verzehr.