Was das Tippens-Protokoll ist und woher es stammt
Die Geschichte von Joe Tippens ist wahrscheinlich der bekannteste Fall im Internet, in dem ein Mensch zu einem für Tiere bestimmten Medikament griff. 2016 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Anfang 2017 hatte sich die Krankheit im ganzen Körper ausgebreitet (metastasiert), und die Ärzte gaben ihm nur noch Monate zu leben.
In seiner Verzweiflung begann er auf Rat eines befreundeten Tierarztes, Fenbendazol einzunehmen — das billige, leicht erhältliche Mittel zur Entwurmung von Haus- und Nutztieren (unter anderem bekannt als Panacur C). Einige Monate später zeigte die Bildgebung keine Spur des Krebses mehr. Tippens beschrieb seine Kombination aus Nahrungsergänzungsmitteln in einem Blog, und so wurde das „Tippens-Protokoll“ geboren. Es wurde weltweit enorm populär, und in einigen asiatischen Ländern verschwand das Medikament vorübergehend aus den Regalen.
Hier ist jedoch ein kühler Kopf gefragt. Onkologen und Kritiker verweisen auf eine entscheidende Tatsache: Zur selben Zeit nahm Joe Tippens an einer klinischen Studie mit einem modernen Medikament (Pembrolizumab, bekannt als Keytruda) teil, das das Immunsystem zum Kampf gegen den Krebs anregt. Aus Sicht der evidenzbasierten Medizin ist es höchstwahrscheinlich diese moderne Therapie und nicht das Antiparasitikum, die seine Genesung erklärt. Mit anderen Worten: Eine spektakuläre Geschichte ist kein Beweis dafür, dass Fenbendazol gewirkt hat. Dennoch veranlassten Hunderte ähnlicher Patientenberichte Wissenschaftler dazu, sich das Medikament genauer anzusehen.
Wie Fenbendazol auf Zellen wirken würde
Warum sollte ein Wurmmittel überhaupt auf Krebs wirken? Fenbendazol greift genau den Mechanismus an, durch den sich Zellen teilen.
Sowohl Krebszellen als auch Parasiten sind auf kleine Strukturen angewiesen, die Mikrotubuli genannt werden. Das sind winzige Röhren, die das innere „Skelett“ der Zelle bilden — ohne dieses kann sich eine Zelle nicht teilen und vermehren. Fenbendazol zerlegt dieses Skelett: Es bindet an Mikrotubuli und verhindert deren Aufbau. Wenn eine Krebszelle dieses Gerüst nicht bauen kann, kann sie sich nicht teilen, und das kann ihre „Selbstzerstörung“ (Apoptose) auslösen.
Interessanterweise arbeiten etablierte Klinikmedikamente nach einem sehr ähnlichen Prinzip — manche klassischen Chemotherapeutika (zum Beispiel Paclitaxel). Befürworter von Fenbendazol behaupten, dass es in Laborstudien die Proteine von Krebszellen stärker trifft als die gesunder Zellen, weshalb sie es „sanftere Chemo“ nennen. Es wird auch vermutet, dass das Medikament es Krebszellen erschweren könnte, Zucker (Glukose) aufzunehmen, und ihnen so ihren Hauptbrennstoff abschneidet. Man sollte im Gedächtnis behalten, dass dies nach wie vor Reagenzglas-Hypothesen sind, keine nachgewiesene Wirksamkeit beim Menschen.
Die begleitenden Nahrungsergänzungsmittel im Protokoll
Die Einnahme von Fenbendazol ist nach Tippens' Darstellung nur ein Teil des Ganzen — der Rest seien zusätzliche Nahrungsergänzungsmittel, die mit dem Medikament zusammenwirken. Das ursprüngliche Schema nennt unter anderem:
- Curcumin (ein Bestandteil von Kurkuma, in besser resorbierbarer Form, mit Pfeffer): soll gegen Entzündungen wirken. Kurkuma selbst wird schlecht resorbiert, und die Zugabe von schwarzem Pfeffer soll das verbessern. Die Rolle von Curcumin soll die Dämpfung von Entzündungen sein, was es Tumoren nach Ansicht der Befürworter erschwert, neue Blutgefäße zu bilden.
- CBD-Öl (aus Hanf): unter die Zunge genommen. Neben Schmerzlinderung und besserem Schlaf wirkt es auf das Endocannabinoid-System des Körpers, das an der Regulation von Leben und Tod der Zellen beteiligt ist.
- Vitamin E: ein Antioxidans, eine Substanz, die Zellen vor Schäden schützt. Im Protokoll soll es gesunde Zellen abschirmen.
- Mariendistel: ein Kraut, das als Leberunterstützung beschrieben wird. Ihr Inhaltsstoff soll die Leber dazu anregen, Glutathion zu produzieren — eine Substanz, die ihr hilft, mit der Belastung durch den Tumorzerfall und die Verstoffwechselung des Fenbendazols selbst zurechtzukommen.
Wir nennen hier bewusst weder Dosierungen noch einen Zeitplan. Dies ist keine Anleitung zur Selbstanwendung, sondern die Beschreibung eines Phänomens — und die aufgeführten Wirksamkeitsbehauptungen wurden in klinischen Studien nicht bestätigt.
Wie Fenbendazol selbst auf das „Skelett“ der Zelle wirkt, erklären wir in unserem Artikel Fenbendazol — wie es wirkt, und ein kritisches Bild davon, wie sich Reagenzglas-Ergebnisse in eine Behandlung für Menschen übersetzen (oder eben nicht) — und warum große klinische Studien zählen — finden Sie in Fenbendazol und Ivermectin — ein Überblick über die Laborforschung.
Quellen
- Dogra N. et al. (2018), Fenbendazole acts as a moderate microtubule destabilizing agent and causes cancer cell death by modulating multiple cellular pathways, Scientific Reports — nature.com/articles/s41598-018-30158-6
Bildungs- und historischer Inhalt. Die Produkte von SWISS LAB sind Reagenzien, die ausschließlich für die In-vitro-Laborforschung bestimmt sind. Sie sind nicht für den menschlichen Verzehr und nicht zur Behandlung bestimmt.