Thymosin alpha-1 (Handelsname Zadaxin, internationaler Freiname Thymalfasin) ist ein Peptid — eine kurze Kette aus 28 Aminosäuren —, das Ende der 1970er-Jahre aus dem Thymus von Kälbern isoliert wurde. Der Thymus ist das Organ, in dem T-Lymphozyten heranreifen: die Immunzellen, die infizierte und entartete Zellen erkennen. Synthetisches Thymosin alpha-1 ist in mehr als 35 Ländern ein zugelassenes Medikament, vor allem bei chronischer Hepatitis B und C und als „Verstärker“ der Impfantwort. Es ist die am gründlichsten untersuchte Verbindung in unserer Enzyklopädie, hat aber auch die lehrreichste Geschichte: Kleine Studien versprachen viel, während die größten und am besten konzipierten Studien — bei Sepsis und bei COVID-19 — Nullergebnisse lieferten. Dieser Überblick erklärt in einfachen Worten, was Thymosin alpha-1 ist, wie es wirkt und was die Humanstudien tatsächlich gezeigt haben.
Was Thymosin alpha-1 ist
Thymosin alpha-1 ist eines der Peptide der sogenannten Thymosin-Fraktion 5 — eines Gemischs von Substanzen, das aus dem Thymus extrahiert und als mögliches „Thymushormon“ untersucht wurde. 1977 isolierte die Arbeitsgruppe um Goldstein aus diesem Gemisch ein einzelnes Peptid, bestimmte die Reihenfolge seiner Aminosäuren und nannte es Thymosin alpha-1. Die Autoren beschrieben ein hitzestabiles, stark saures Molekül aus 28 Aminosäuren, das an der Regulation, Differenzierung und Funktion von T-Lymphozyten beteiligt sein könnte. Medikamente und Reagenzien verwenden heute eine synthetische Version — dieselbe Sequenz, chemisch hergestellt statt aus tierischem Gewebe extrahiert.
Wie es wirkt — ein Alarmverstärker, kein Antibiotikum
Thymosin alpha-1 tötet selbst weder Viren noch Bakterien. Es wirkt auf Immunzellen, sodass diese eine Bedrohung deutlicher „sehen“. Die Schlüsselakteure sind dendritische Zellen — die Wachposten des Immunsystems, die Bruchstücke von Mikroben aufsammeln und sie T-Lymphozyten präsentieren. In den Arbeiten der Gruppe um Romani (2004) stimulierte Thymosin alpha-1 die Reifung dendritischer Zellen und deren Produktion von Interleukin-12 — dem Signal, das die Immunantwort in Richtung Th1-Lymphozyten lenkt, die zur Bekämpfung von Virus- und Pilzinfektionen benötigt werden. Das Signal lief über Toll-like-Rezeptoren (TLRs), die „Sensoren“ einer Zelle, die typische mikrobielle Muster erkennen, und über einen vom Protein MyD88 abhängigen Signalweg. Das Peptid verhält sich also wie ein Alarmverstärker — daher die Idee, es dort zu geben, wo die Immunabwehr geschwächt oder „erschöpft“ ist.
Regulatorische Geschichte — ein Medikament in vielen Ländern, aber nicht überall
Laut Goldsteins Übersichtsarbeit von 2009 wurde Thymosin alpha-1 in mehr als 35 Ländern zur Behandlung der chronischen Hepatitis B und C sowie als Immunstimulans und Adjuvans (ein Zusatz, der die Wirkung eines Impfstoffs verstärkt) zugelassen. Dieselbe Übersichtsarbeit hält fest, dass sich die Verbindung in den Vereinigten Staaten und in Europa zu jener Zeit noch in der späten Phase der klinischen Prüfung befand — bei Hepatitis C und beim Melanom — und nicht als Medikament im Handel war. Eine Zulassung bedeutet, dass die Behörde eines Landes die Daten für ausreichend hielt; sie sagt nichts darüber aus, wie stark die Evidenz nach heutigen Maßstäben ist.
Was untersucht wurde — Zellen und Tiere
Die am häufigsten zitierte mechanistische Arbeit ist die Studie von Romani et al. aus dem Jahr 2004. In dendritischen Zellen, die dem Pilz Aspergillus fumigatus ausgesetzt waren, löste Thymosin alpha-1 über den p38-Kinase- und NF-κB-Signalweg die Reifung und die Produktion von Interleukin-12 aus. Bei Mäusen nach Knochenmarktransplantation — also mit stark geschwächter Immunabwehr — aktivierte das Peptid eine antimykotische Th1-Immunität, beschleunigte die Erholung der myeloischen Zellen und schützte die Tiere vor Aspergillose. Diese Beobachtungen lieferten die Begründung dafür, Thymosin alpha-1 als Adjuvans und als unterstützende Behandlung bei Menschen mit geschwächter Immunabwehr zu untersuchen. Ein großer Teil der Grundlagenliteratur stammt aus einem einzigen Zentrum (Perugia), und Mäuse sind keine Menschen.
Humandaten — chronische Hepatitis B
Die aktuellste und rigoroseste Zusammenfassung ist der Cochrane-Review vom September 2026: 10 randomisierte Studien, 1.349 Teilnehmer, veröffentlicht zwischen 1991 und 2018 in Bangladesch, China, Italien, Korea, Singapur und Taiwan. Das gepoolte Ergebnis deutet darauf hin, dass das Medikament die Gesamtsterblichkeit (Risikoverhältnis 0,53; 3 Studien, 907 Personen) und die Zahl schwerwiegender unerwünschter Ereignisse (0,72; 5 Studien, 1.056 Personen) möglicherweise senkt, doch die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wurde für fast alle Endpunkte als sehr niedrig und für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse als niedrig eingestuft. Ein Effekt auf die Lebensqualität oder auf das histologische Bild der Leber wurde nicht gezeigt. Die Autoren sagen unumwunden, dass sie nicht sicher sind, ob Thymosin alpha-1 die Sterblichkeit senkt. Vier der zehn Studien wurden von der Industrie finanziert.
Humandaten — Sepsis: von der Hoffnung zur großen Nullstudie
Die Sepsis (eine schwere, den ganzen Körper erfassende Reaktion auf eine Infektion) ist das Gebiet, auf dem Thymosin alpha-1 am intensivsten untersucht wurde. 2013 veröffentlichte eine chinesische Gruppe die ETASS-Studie: 361 Patienten mit schwerer Sepsis in sechs Krankenhäusern, randomisiert einer Standardbehandlung oder einer Standardbehandlung plus Thymosin alpha-1 zugeteilt. Die 28-Tage-Sterblichkeit betrug 26,0 % in der behandelten Gruppe und 35,0 % in der Kontrollgruppe — ein Unterschied an der Grenze der statistischen Signifikanz (P = 0,062; relatives Risiko 0,74, Konfidenzintervall 0,54–1,02). Die Studie war jedoch nur einfach verblindet und vergleichsweise klein.
Die Antwort lieferte die TESTS-Studie derselben Gruppe, veröffentlicht im Januar 2025 im BMJ: 22 Zentren in China, 1.106 Erwachsene mit Sepsis, doppelblind und placebokontrolliert, subkutane Injektionen über sieben Tage. 28-Tage-Sterblichkeit: 23,4 % unter Thymosin und 24,1 % unter Placebo (Hazard Ratio 0,99). Keiner der sekundären oder Sicherheitsendpunkte unterschied sich zwischen den Gruppen. In Subgruppenanalysen schnitten Menschen unter 60 Jahren unter dem Medikament schlechter ab und Patienten mit Diabetes besser — Signale, die überprüft werden müssen, keine Belege. Die Studie wurde vom Hersteller SciClone mitfinanziert. Das Fazit der Autoren: kein klarer Beleg, dass Thymosin alpha-1 die Sterblichkeit bei Sepsis senkt.
Eine Metaanalyse von 2025 (11 randomisierte Studien, 1.927 Patienten) zeigt, woher der Eindruck einer Wirksamkeit kommt: Werden alle Studien gepoolt, liegt das Odds Ratio für den Tod bei 0,73, doch in der Subgruppe der hochwertigen Studien (0,82; P = 0,09) und der multizentrischen Studien (0,86; P = 0,20) verschwindet der Nutzen. Die Behauptung, „Metaanalysen zeigen eine niedrigere Sterblichkeit“, stimmt also nur, wenn kleine Studien geringerer Qualität zusammengerechnet werden.
Humandaten — COVID-19 und Impfstoffe
Bei COVID-19 waren die ersten Berichte enthusiastisch. Eine retrospektive Analyse von 76 schwer erkrankten Patienten in zwei Krankenhäusern in Wuhan (Liu et al., 2020) beschrieb eine Sterblichkeit von 11,1 % bei behandelten gegenüber 30,0 % bei unbehandelten Patienten, zusammen mit steigenden T-Zell-Zahlen und sinkenden Markern der T-Zell-„Erschöpfung“ (PD-1 und Tim-3) — daher stammt die Behauptung, das Peptid kehre die T-Zell-Erschöpfung um. Das sind jedoch Beobachtungsdaten ohne randomisierte Zuteilung aus einer kleinen Gruppe. Eine Metaanalyse von 2023 fasste 9 Studien mit 5.352 Patienten zusammen: Das relative Sterberisiko lag bei 1,03 (Intervall 0,60–1,75) mit sehr hoher Heterogenität zwischen den Studien. Die Autoren schließen, dass die Daten den Einsatz von Thymosin alpha-1 bei hospitalisierten Erwachsenen mit COVID-19 nicht stützen, auch wenn in den Subgruppen der älteren und kritisch kranken Patienten ein Signal für einen Nutzen bestehen blieb.
Die am besten begründete Anwendung ist die Verstärkung der Impfantwort bei Menschen, die schlecht auf Impfungen ansprechen. In einer Pilotstudie an Hämodialysepatienten (Carraro et al., 2012; 94 Personen ausgewertet) erzeugte ein pandemischer Influenza-Impfstoff, zusammen mit Thymosin alpha-1 verabreicht, nach 21 Tagen höhere Antikörpertiter als der Impfstoff allein, und die europäischen Immunogenitätskriterien (CHMP) wurden in den Peptidgruppen vollständig erfüllt. Kein unerwünschtes Ereignis wurde mit dem Peptid in Verbindung gebracht. Es ist eine kleine Studie, aber sie passt zu der Richtung, in der die Verbindung zugelassen wurde.
Sicherheit und die Grenzen der Evidenz
In den hier zitierten Humanstudien war das Sicherheitsprofil günstig: In TESTS unterschied sich kein Sicherheitsendpunkt von Placebo, in ETASS wurde kein schwerwiegendes medikamentenbedingtes Ereignis verzeichnet, und der Cochrane-Review zählte in den behandelten Gruppen weniger schwerwiegende unerwünschte Ereignisse (mit niedriger Vertrauenswürdigkeit). Wir fanden keine Studien zur längerfristigen Gabe an gesunde Freiwillige und keine Daten zu Menschen mit Autoimmunerkrankungen — die Behauptung, ein „immunstimulierendes“ Medikament könne solche Erkrankungen verschlimmern, ist eine Schlussfolgerung aus dem Mechanismus, kein Studienergebnis. Die Grenzen der Evidenz sind konkret: Die meisten Studien stammen aus einem einzigen Land, einige wurden vom Hersteller finanziert, die Ergebnisse sind heterogen, und die einzige große Doppelblindstudie (TESTS) war negativ. Ein Forschungsreagenz ist kein Medikament und hat die Qualitätskontrolle eines Arzneimittels nicht durchlaufen. Wir nennen bewusst weder Anwendungsmethoden noch Dosierungen.
Der weitere Kontext — Thymuspeptide
Thymosin alpha-1 gehört zur Gruppe der mit dem Thymus verbundenen Peptide. Dazu zählen Thymulin — ein Thymushormon aus neun Aminosäuren, das nur an Zink gebunden wirkt — und Thymosin beta-4, im Peptidhandel bekannt als TB-500. Trotz des ähnlichen Namens sind Thymosin alpha-1 und Thymosin beta-4 verschiedene Moleküle mit unterschiedlicher Wirkung: Das erste ist ein Immunmodulator, das zweite bindet Aktin und wird im Zusammenhang mit Wundheilung untersucht. Thymosin alpha-1 sticht als einziges Mitglied dieser Gruppe hervor, das große randomisierte Studien durchlaufen hat.
Zusammenfassung
Thymosin alpha-1 ist eine synthetische Kopie eines Thymuspeptids aus 28 Aminosäuren, das das Alarmsignal von Immunzellen über TLR-Rezeptoren verstärkt. Es ist in mehr als 35 Ländern ein zugelassenes Medikament, war aber laut der Übersichtsarbeit von 2009 weder in den Vereinigten Staaten noch in Europa ein Medikament. Bei chronischer Hepatitis B sieht der Cochrane-Review von 2026 ein Signal für einen Nutzen bei sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit der Evidenz. Bei Sepsis deuteten kleine Studien auf eine niedrigere Sterblichkeit hin, während die große TESTS-Studie von 2025 ein Nullergebnis lieferte. Bei COVID-19 bestätigte eine Metaanalyse keinen Effekt auf Todesfälle. Die konsistentesten Daten betreffen die Verstärkung der Impfantwort bei schlecht Ansprechenden. Die Studienlage ist also gemischt: ein gut dokumentierter Mechanismus und eine gut dokumentierte Sicherheitsbilanz, aber eine Wirksamkeit, die nur in engen Anwendungen bestätigt — und dort widerlegt wurde, wo sie am sorgfältigsten geprüft wurde.
Quellen
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